Dieser Blog ist umgezogen...

Der letzte Eintrag in diesem Blog, aber nicht die letzte Nachricht von uns. Die kostenlose Speicherkapazität für Bilder war fast erschöpft und die zuletzt mühsamen Einstellungen von Nachrichten und Fotos haben mich dazu bewogen, einen neuen Blog zu erstellen.

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Dieser Blog bleibt aber online. Wir sehen uns... 

Warum dieser Blog

Lange habe ich nach einer Alternative zu einer eigenen Homepage gesucht und bin hier hängengeblieben. Das Blog dient Klaudia und mir als Plattform für unsere Reiseberichte. Daneben gibt es Berichte und Einschätzungen zu meinem Fußballclub Rot Weiss Essen und Tipps und Anmerkungen zu aktuellen Filmen, neuen Musik-CDs, Musicals und anderen Konzerten.

Ich wünsche jedenfalls Spaß und die eine oder andere neue Erkenntnis.

Paris, Stadt mit Charme und Niveau

Da mussten wir fast 50 werden, um im März 2012 erstmals überhaupt in ein französisch sprechendes Land zu reisen. Richtung Westen war ja schon bisher die bevorzugte Richtung, aber ein Stopp nach nur gut 3 Stunden etwas Neues. Also, für 4 Tage nach Paris, da sollte eigentlich auch sprachlich nicht viel schief gehen. Wir bevorzugten die Anreise mit dem Zug, denn der Thalys braucht von Köln nur 3 Stunden und 15 Minuten, der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Brüssel und Paris sei Dank. Und Thalys ist angenehm. Man sitzt gut in Großraumwagen, breit, mit Beinfreiheit und immer auf reservierten Plätzen, damit keine Hektik, keine überfüllten Gänge und dies alles für 58,--€ hin und zurück, klasse! An einem Sonntag ging es los, schon mittags trafen wir am Gare de Nord ein. Danach erste Orientierung (wir brauchten ja sofort Tickets für die Metro), Hilfestellung von einem freundlichen Franzosen am Automaten. 10er-Karte mit attraktivem Preisvorteil zu Einzelfahrscheinen gekauft (25%) und schnell und sicher direkt in die Innenstadt zur Kathedrale Notre Dame. In unmittelbarer Nähe, im Quartier Latin, hatten wir dort ein Zimmer in einem bezahlbaren, kleinen Hotel (College de France) gebucht. Wie sich im Nachhinein herausstellen sollte, eine gute Wahl. Sich Paris zu nähern, einen Plan für gut 3 Tage zu realisieren, erfordert - wie eigentlich bei allen Kurzreisen - eine vernünftige Vorbereitung. Besonders geholfen hat uns dabei der Paris-Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag (Empfehlung!). Dieser Führer arbeitet vor allem mit Spaziergängen und erschließt damit jeden Stadtteil auf eine sehr eigene Weise. Damit war auch klar, dass wir keine der typischen Stadtrundfahrten (hop on, hop off) buchen würden, denn wir wollten Paris zu Fuß und mit der Metro erkunden. Gute Entscheidung, obwohl wir uns nach 3 Tagen wie gerädert fühlten. Das lag aber vor allem an den gefühlten 1000 Treppenstufen, denen man in Paris nicht entgeht: in den Metro-Stationen, an wichtigen Sehenswürdigkeiten, in Museen. Treppen sind halt aus dem Pariser Stadtbild nicht wegzudenken. Da wir den Bahnhof schon mittags erreichten, konnte es auch gleich losgehen. Nur wenige hundert Meter vom Hotel entfernt, besuchten wir die Kathedrale Notre Dame und das Pantheon. Notre Dame liegt auf einer Insel in der Seine, der Ile de la Cité.


Einen ausgezeichneten Eindruck der mächtigen Kirche erhält man von einer naheliegenden Dachterrasse des L'Institute de Monde Arabe. Die Terrasse ist für alle Interessenten frei zugänglich (Tipp!). Was den Kölnern ihr Dom, ist den Parisern ihre Kathedrale. Viele, viele Besucher, die das Kirchenschiff fluten, selbst dann, wenn dort Messen stattfanden. Auch beim Betreten fühlten wir uns wie in Köln. Keine Wunder, es sind halt beides gotische Bauwerke, Der Bau von Notre Dame begann im Jahre 1163, der des Kölner Doms 1248. Trotzdem blieb der Eindruck irgendwie matt, ganz anders als bei der abseits der Innenstadt, auf einem Hügel errichteten Kirche Sacré Coeur. Diese im Zuckerbäckerstil im Jahre 1870 errichtete Bau ist kunsthistorisch zwar ohne große Bedeutung, aber die Wärme, die bunten Kirchenfenster und die spürbare Andächtigkeit der Besucher, machten viel größeren Eindruck.


Man genießt von den Treppenstufen aus einen wunderbaren Blick über die Dächer von Paris. Im Sommer übervoll, war es jetzt doch sehr angenehm und man konnte die Blicke richtig genießen. Und der Stadtteil Montmartre hat sehr viel mehr zu bieten. Schon wenige Meter hinter der Kirche, am Place du Tertre, befinden sich jeden Tag Maler, die ihre Bilder feilbieten und auf Wunsch auch Portraits anfertigen.


Das Magische des Platzes liegt in den schmalen Wegen, der Überschaubarkeit und den prächtigen Schaufenster-einfassungen der kleinen Läden und Restaurants rund um den Platz. Hier erhält man erstmals ein Gefühl für die Stadt oder das, was man dafür hält. Denn natürlich ist auch dieser Ort touristisch geprägt. Nur sollte man auch nicht jeden dieser für einen selbst angenehmen Augenblicke hinterfragen und einfach nur genießen. Aber Montmartre hat mehr zu bieten. Etwas südlich rund um das Opernhaus und die Börse befinden sich viele Geschäfte und große Kaufhausgalerien. Teilweise aber findet man diese Läden in alten, überdachten Passagen.


Diese Wege von Straßenzug zu Straßenzug sind etwa Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut worden und erfreuen sich immer noch großer Beliebtheit. Hier kann man flanieren und findet viele gute Restaurants. Auch der Besuch des Panthéons hat sich gelohnt. Beim Betreten stellt sich sofort der Eindruck einer römischen Kirche ein, vielleicht sogar des Petersdoms in klein. Im Keller befindet sich ein geschmackvolle Krypta, wo sehr viele „große“ Franzosen ehrenhalber begraben sind: von Voltaire bis Victor Hugo, von Marie Curie bis Alexandre Dumas. Das Thema Tod wird uns später noch einmal beschäftigen, hier im Panthéon aber steht im Zentrum das dort immer noch schwingende so genannte Foucaultsche Pendel.


An einem 67 Meter langen Draht hängt von der Decke ein 28 Kilogramm schwerer und 60 Zentimeter Durchmesser umfassender Pendelkörper. Am unteren Ende des Pendelkörpers befindet sich eine Spitze, die beim Erstversuch im Jahre 1851 mit jeder Schwingung eine Spur in ein Sandbett am Boden des Panthéon hinterließ. Und das Pendel schwingt keineswegs gleichmäßig um die eigene Achse, sondern wird durch die Erdrotation nach rechts abgelenkt. Der Versuchsaufbau ist auch heute noch sehr beeindruckend. Bei recht gutem Wetter haben wir uns dann für eine Auszeit entschieden und sind zum Friedhof Père Lachaise gefahren. Schon in Wien hatte es uns der Zentralfriedhof angetan, aber hier ist doch alles anders. Viele Hochgräber, manche Grabstätten von einer Wucht und Größe, die bei uns sogar normale Friedhofskappellen überragen. Man kann in Ruhe schlendern, an diesem Ort die Seele sprichwörtlich baumeln lassen. Aber einmal wird sie dann doch gestört: die Ruhe. Jim Morrison, der Frontmann der legendären Gruppe „The Doors“ ist hier begraben und an diesen Ort zieht es immer noch jede Mengen Menschen. Ein Baum in der Nähe muss dran glauben; er wird von den Fans mit Stift und Kaugummi für ihre Gedanken an den Toten verwendet.

 Aber auch Oscar Wilde, Edith Piaf, Frédéric Chopin und viele andere sind hier begraben. Einen Lageplan gibt’s am Eingang. Zwei weitere Sehenswürdigkeiten kann und darf man in Paris nicht auslassen. Das gigantische Museum Louvre und natürlich den Eiffelturm. Will man alle Räume des Louvre sehen, muss man 17 Kilometer Fußweg in Kauf nehmen, schier unmöglich, denn Museen sind keine Sport- sondern Kulturstätten.


Sehr schön, dass im gesamten Gebäude fotografiert werden durfte. Wir hatten uns entschieden, nur zwei Abteilungen zu besuchen, die ägyptische und die der  italienischen Maler mit der Mona Lisa. Ok, die Mona Lisa ist der Anziehungspunkt. Gesichert hinter Panzerglas wird dieses über 500 Jahre alte Gemälde von Leonardo da Vinci immer von hunderten Besuchern umringt. Das Gemälde soll mehr wert sein, als alle anderen Kunstschätze im Louvre zusammen, taxiert auf unvorstellbare 400 Milliarden (!) Euro. Hier bekommt das Wort „unbezahlbar“ eine völlig neue Dimension. Ansonsten Treppe runter, Treppe rauf. Man muss ausreichend fit sein, um im Museum einigermaßen herumzukommen. Gut zwei Stunden reichten uns für einen kleinen Eindruck eines riesigen Kunstpalastes. Der Eintritt ist mit 10,--€ nicht teuer. Ja, und der Eiffelturm. Entgehen kann man ihm nicht, rauf muss man nicht, aber aus der Nähe ansehen ist einfach Pflicht. Das 318 Meter hohe Wahrzeichen von Paris wurde 1889 von Gustave Eiffel zur Weltausstellung 1890 gebaut; ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Die Bögen zwischen den Grundpfeilern sind so berechnet, dass der Turm auch unter extremsten Windbelastungen aufgrund des Eigengewichts ausgeschlossen ist. Wir haben uns eine Zeitlang das Treiben rund um den Aufstieg angesehen, sind aber selbst nicht hoch, sondern über die Brücke auf die andere Seite der Seine gelaufen, wo man vom Vorplatz des Palais de Chaillot den wohl besten Blick auf das Bauwerk hat.


Weiter zu Fuß zum Arc de Triomphe und danach langsamer schlendernd über die Champs Elysées endete unsere Power-Tour durch die französische Hauptstadt.

Was ist uns in Paris aufgefallen? Einheimische und Besucher wirkten sehr entspannt, locker und mit Niveau. Es war überall sehr sauber, an keiner Metrostation fand sich auch nur ein kleines Graffiti. Überall sind städtische Mülleimer aufgestellt, so viele habe ich noch nirgendwo gesehen. Das Metronetz ist klasse, die Fahrtakte zu Stoßzeiten 2 Minuten. Jede Fahrt kostet nur 1,27 € und man kann hiermit jeden Punkt der erweiterten Innenstadt erreichen. Bettler gab es, ja, aber weniger und nicht so aggressiv. Man fühlte sich eigentlich überall sehr sicher, was auch an der durchaus sichtbaren Polizeipräsenz lag. Interessant war es, dass wir uns auf der Rückfahrt in der S-Bahn zwischen Köln und Leverkusen weniger wohl fühlten, als auf allen Fahrten in den Pariser Bussen und Bahnen. Sprachlich war der Mix aus französisch, englisch und "Händen und Füßen" völlig ausreichend. Für uns hat auch französisch seinen Schrecken verloren, was uns für die Zukunft nun auch den östlichen Teil Kanadas eröffnet. Fazit: eine wunderbare Stadt. Die fast 4 Tage haben nur ausgereicht, um sich einen Überblick zu verschaffen und völlig verschiedene Wesenszüge der französischen Hauptstadt zu begreifen. Wir haben uns  ausgesprochen sicher- und wohlgefühlt. Wer Städtereisen liebt, gut zu Fuß ist, Museen und das Flair unendlich vieler Restaurants und Cafes mag, ist hier ohne Einschränkung gut aufgehoben. Nur bedarf es vorheriger Planung, sonst verliert man, ob des üppigen Angebotes, schnell den Überblick.

Vancouver, ein Mythos mit Schattenseiten

Wenn man von Kanada erzählt und die Stadt Vancouver erwähnt, ja dann verklären sich bei einigen die Gesichtszüge und oft wird von einer der schönsten Städte der Welt gesprochen. Nun, Vancouver liegt herausragend direkt am Wasser, im Hintergrund befinden sich Berge, das Ensemble der Natur stimmt sicher. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Die Stadt ist jung, ihr fehlt es an Historie. „Kann die Stadt nix für“, wird man berechtigt einwerfen, aber in einigen Stadtbezirken hat man sogar auf „alt“ gemacht, um eben eine solche Geschichte vorzugaukeln. Beispiel gefällig? In Gastown kommt man sich tatsächlich vor, wie in einer europäischen Altstadt. Doch die gesamt Optik stammt aus den 1970er-Jahren.

 

Auch Downtown ist eher gesichtslos. Den zugegeben teilweise sehr schönen verglasten Hochhäusern fehlt beim Gesamteindruck das Gesicht, die Linie, das Spektakuläre.

 

Nur am Rande erwähnen möchte ich, dass man sich als Europäer oder Kanadier/Amerikaner klar in Unterzahl befindet. Die Asiaten sind von ihrer Anzahl die Einwohner Nummer 1. Nicht umsonst wird die Stadt auch Hongcouver genannt. Wir hatten jedenfalls den Eindruck, die Übernahme der Welt durch die Asiaten hat bereits begonnen, läuft aber leise und unbemerkt ab. So ähnlich, wie die Chinesen seit vielen Jahren US-amerikanische Staatsanleihen gekauft haben, den Pump der Amis damit finanzieren und dem Staat später um die Ohren fliegen lassen könnten. Auch hier beschleicht einen irgendwie ein komisches Gefühl.

Und ein Aspekt hat uns besonders schockiert: die vielen Bettler. Beim Laufen durch die Stadtbezirke kamen wir an einem Sonntagnachmittag in einen Bereich, wo sich plötzlich auffallend wenig Touristen aufhielten. Ich wusste: Jetzt wird es interessant. Und was war? Die Bettler und Obdachlosen veranstalten wohl jeden Sonntag auf einer Straße, die hierzu extra gesperrt wird, einen Trödelmarkt.

 

Hier machen sie alles zu Geld, was sie in den Tagen vorher erbettelt oder sonst wie erhalten haben. Ist das nicht pervers? Aber die Wahrheit und die ist auch in Vancouver nicht immer angenehm.

 

Sonst? Wir haben noch nie so viele Starbucks-Läden gesehen, wie in Downtown. Unglaublich, alle geschätzten 50 Meter ein Geschäft und durchaus immer voll und nachgefragt. Das Vancouver Aquarium ist immer einen Besuch wert, der Stanley-Park ist beschaulich, ruhig und attraktiv. Der ÖPNV ist wunderbar, die Preise zivil und der Umgang der Gesellschaft mit Behinderten vorbildlich. Jeder Bus ist zum Beispiel mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer ausgestattet, die ggf. vom Fahrer vorne aktiviert werden kann. Hier gibt eine besondere Form der Rücksichtnahme.

Wo man in jedem Fall hin muss: Granville Island, eine auf einer kleinen Insel zwischen Downtown und den anderen Stadtvierteln aufgemöbeltes altes Industriegelände. Viele Galerien, Geschäfte und Restaurants haben sich in renovierten Fabrikhallen und –häusern niedergelassen und ziehen Einheimische, wie Touristen magisch an. Hier lässt man es sich an einem Sonntagmorgen vor gläsernem Hintergrund schon einmal gut ergehen.

 

In der Nähe des Canada Place, ein einem Schiff nachempfundenes Pier, kann mit einer öffentlichen Fähre auf die andere Seite von Vancouver nach North-Vancouver übersetzen.

 

Hier muss man den dortigen Lonsdale Quay Market besuchen, eine Markthalle mit Gemüse, Obst, Blumen, Fleisch und Fisch. Teilweise wird die Ware auch sofort zum Essen angeboten. Hier haben wir gesteamte Muscheln gegessen, die wirklich nach nur 3 Minuten im Dampfkessel fertig waren. Serviert nur mit ausgelassener und gesalzener Butter: eine wohlschmeckende Spezialität.

 

Übrigens steht am Canada Place das olympische Feuer der Spiele 2010.

 

 

Passt dort wirklich gut hin und bleibt eine Erinnerung für alle Besucher und Bewohner der Stadt.

 

So ging unsere Reise zu Ende. Wir haben Kanada als Land und die Kanadier selbst als sehr freundlich, interessiert und extrem entspannt kennengelernt. Das unterscheidet sie deutlich von vielen US-Amerikanern, die zwar auch immer freundlich, aber größtenteils doch unverbindlich und oberflächlich bleiben. Die Entspanntheit hat uns vor allem auf Vancouver Island selbst schnell die Hand gereicht. Eine unvergleichlich schöne und dabei große Insel, die einen schon mal von einem Leben weit weg der Heimat träumen lässt. Viktoria und Tofino hinterließen dabei in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit bei uns den größten Eindruck. Vier Münzen blieben uns heute im Flughafen Vancouver. Wir haben sie in einen dortigen kleinen Bachlauf im Innern des Gebäudes geworfen, wie es vor uns schon tausende andere Touristen taten. Und wir glauben, sie alle möchten gerne wieder kommen. Wir verstehen das…sicher.

Nuyumbalees, wir trafen auf ein Indianervolk

Nach unserer Rückkehr an die Ostküste von Vancouver Island, mieteten wir uns in ein wirklich gutes Motel in Courtenay ein, eine Stadt, die etwa 60 Kilometer südlich von Campbell River liegt. Hier leitete uns das Internet in ein ausgezeichnetes kleines Restaurant (Cafe Atlas), deren Bewertungen sehr gut waren und sich dies als vollkommen richtig herausstellen sollte. Klaudia durfte an einem der beiden Tage sogar sehr leckere gefüllte Kohlrolladen essen, das hatten wir hier wirklich nicht erwartet. Von Campbell River hatten wir uns vorgenommen, mit einer Fähre nach Quadra Island überzusetzen, eine der großen Inseln, die sich zwischen dem Festland und Vancouver Island befinden. Die Überfahrt dauerte gerade einmal 10 Minuten. Danach ging es zunächst zu einem total abgelegenen, aber wunderschönen Leuchtturm (doch, schon wieder so ein Teil!) am Cape Mudge. Auch hier wieder das übliche Bild. Nicht der Leuchtturm fansziniert, sondern das so stimmige Gesamt-Ensemble.



Danach besuchten wir die Nuyumballes, ein Indianervolk Kanadas (First Nation). Die Angehörigen betreiben seit 1979 ein Museum, wo die Geschichte, die Mythen, die Riten dieser Indianer vorgestellt werden. Als wir dort ankamen, schickten uns die Bediensteten gleich an den in der Nähe befindlichen Strand. Dort wurde gares Gemüse aus einem Erdofen entnommen und abtransportiert. Wir haben nicht rausgefunden, ob dies etwas mit Thanksgiving zu tun hatte, aber es war sehr beeindruckend und würdevoll, wie die Beteiligten mit den "einfachen" Gaben der Natur umgingen.

Im Museum waren es dann vor allem die künstlerisch wundervollen Masken, die uns sehr beeindruckten. Aber die traurige Geschichte aller Indianerstämme Kanadas ließ einen faden Beigeschmack zurück. Von 1884 bis 1951 wurden sie alle vom kanadischen Staat diskriminiert und durften ihre Gebräuche und Traditionen unter Androhung von Strafen nicht ausüben. Damit wurden Zeremonien aller Art in den Untergrund verdrängt und wurden viele Jahrzehnte lang nur noch in abgelegenen Dörfern der Provinz vollzogen. Überall trieben sich "Indian Agents" herum, die jede Zuwiderhandlung meldeten. Das alles erinnerte mich ungemein an die Stasi und an den Umgang der Türken mit den Kurden. Irgendwie wiederholen sich diese Unsäglichkeiten immer wieder auf dieser Welt.


Daneben mussten die Indianer alle ihre Schätze und Kunstgegenstände dem Staat überlassen. Der wiederum nahm vieles nicht so genau und so wurden manche Dinge an Sammler in aller Welt verkauft. Damit waren sie in vielen Fällen für immer verloren. Glücklicherweise änderte die kanadische Regierung ihren Umgang mit der First Nation radikal und so normalisierte sich das Verhältnis ab 1951. Der Staat gab die konfizierten Gegenstände an die rechtmäßigen Eigentümer zurück und glücklicherweise schlossen sich zumindest die Museen der Welt an und taten es dem kanadischen Staat gleich. Auf diese Weise ist es nun möglich, Interessierten aus aller Welt die Geschichte der Nuyumbalees näherzubringen. Es waren beeindruckende und nachdenklich machende Stunden. Viele der Botschaften lassen sich problemlos auf unsere Gesellschaft und Situationen übertragen. Und nicht jede dieser Wahrheiten ist schön.

Gestern haben wir Vancouver Island wieder per Fähre verlassen und werden unsere Reise nun mit einem Besuch von Vancouver beenden.

Tofino, ein unvergleichlicher Ort am Ende der Welt

Ja, es ist schon verrückt, was man sich antut. Nur eine Straße führt vom Osten der Insel in den Westen. Dort wiederum gelangt man in den Pacific Rim Nationalpark, der im Süden von Ucluelet und im Norden von Tofino begrenzt wird. Aber auch die beiden Dörfer trennen nur 35 Kilometer. Dennoch wussten wir ja von unserem ersten Besuch, dass es hier wirklich einmalig ist. Und so stimmten wir unseren Besuch ganz auf die Wettervorhersagen ab. Von Viktoria aus einen kurzen Abstecher nach Chemainus, ein Dorf, dass viele seiner Häuserwände großformatig bemalen ließ und damit viele Touristen anlockt: auch uns. Kleiner Spaziergang, schöne Malereien, die Geschichten erzählen oder Personen vorstellen.



Dann weiter nach Norden und ab in den Westen. Zwischenübernachtung in Port Alberni und weiter, so dass wir den den Nationalpark bei gutem Wetter erreichten. Eine Landschaft, die einen wirklich sprachlos macht. Dabei ist doch alles irgendwie dem Rest der Insel ähnlich. Nicht alles: die Strände in sind Weltklasse. Sie beeindrucken durch den flachen Winkel ins Meer, wo sich das Wasser bei Ebbe gefühlte Kilometer zurückzieht, der Wind und Wellen sind rauh und heftig, alle Strände sind von Treibholz gesäumt und dahinter beginnt immer gleich Wald. Hier ist eben alles ein bisschen wilder, größer und ja auch schöner.



Und dann erreicht man Tofino: ein Dorf, aber was für eine Lage. Hügelig, überall sieht man Meer, aber es ist hier Meer mit einer Unzahl vorgelagerter grüner und ebenso hügeliger Inseln und Inselchen. Das begrenzt den Blick und lässt einen überwältigt zurück. Dazu ein Minihafen, der aber rege genutzt wird. Wassertaxen, die Bewohner transportieren und ein kleiner Wasserflughafen, dessen Flugzeuge auch Touristen zur Verfügung stehen, Hier passt eben einfach alles. Ein absolutes Muss für jeden, der Vancouver Island besucht.



Wir hatten ein Zimmer in einem kleinen Motel gebucht, dass für jeden seiner Räume Meerblick versprach und sich daran hielt. Die morgendliche Stimmung gibt das nächste Foto wieder, das auf dem Balkon unseres Raumes entstand.



Noch erwähnenswert ist sicher, dass man auch in diesen abgelegenen Bereichen nicht auf gutes Essen verzichtet werden muss. Vor allem Fisch und Meeresfrüchte sind hier ein besonderer Genuss, wenngleich nicht gerade billig. Von hier aus geht es nun auf dem gleichen Wege zurück in den Osten. Wir werden das Tor zum Norden der Insel, Campbell River und eine der vorgelagerten Inseln, Quadra Island, besuchen. Hier sollten wir auf die First Nations treffen, ein ausgesprochen interessanter Tag.   

Victoria & Umgebung, was will man mehr

Viktoria soll die schönste Stadt der Welt sein? Diese Kleinstadt am Pazifik? Mit gerade 80.000 Einwohnern, wie soll das gehen? Ich kann versichern: es geht! Von der Lage begünstigt, gibt es hier die meisten Sonnenstunden von Vancouver Island. Das Zentrum befindet sich eindeutig am Inner Harbour, am inneren Hafen, der neben vielen Schiffsbewegungen, einschließlich Fähren, vor allem ständige Starts und Landungen von Wasserflugzeugen sieht, die teilweise gechartert, aber teilweise auch im Linienverkehr eingesetzt sind und Menschen an Orte bringt, die eben sonst überhaupt oder nur unter größten Schwierigkeiten erreicht werden können. Bei gutem Wetter flanieren die Menschen, schauen Kleinkünstlern zu und lauschen den immer wieder erstaunlich guten Straßenmusikern.


Eine super entspannte Atmosphäre, dazu viele wirklich gute Restaurants, guter Wein, Bier aus Mikrobrauereien. Die Straßen sind sauber, gepflastert, der Durchgangsverkehr aus dem Zentrum verbannt. es braucht nur 3 Minuten und man befindet sich außerhalb des geschützten Hafens und blickt auf das offene, hier immer wieder auch rauhe Meer. Diese kurzen Wege bei breitem Angebot für Einheimische und Touristen machen diese Stadt so unglaublich attraktiv. Gut, die Tatsache, dass wir ein Hotel mitten in der City gebucht hatten, verkürzte am Samstagabend unseren Schlaf, denn irgendwie schien die ganze City auf den Beinen und das eben bis tief in die Nacht. Der Jetlag aber forderte seinen Tribut, so dass wir in den nächsten Nächten nachholten, was uns samstags verwehrt blieb. Und auch als Ausgangspunkt für Ausflüge eignet sich Victoria ganz besonders. Zwei dieser Zielorte seien stellvertretend für viele andere hier erwähnt: das Fisguard Lighthouse und der West Coast Highway.

Leuchttürme haben es uns ja schon immer angetan und so konnten wir nach dem Besuch des etwa 25 Kilometer von Victoria entfernt liegenden Fisguard Lighthouse ein weiteres Postkartenmotiv unserer Sammlung hinzufügen.

Der Leuchtturm befindet sich etwas westlich von Victoria in der Stadt Colwood. Er wurde 1860 gebaut und zählt heute zu den ältesten Gebäuden von British Columbia und wird noch heute, wenngleich nur automatisch, betrieben.

Der West Coast Highway führt über etwa 100 Kilometer an der Pazifikküste nach Port Renfrew, wo die asphaltierten Straßen enden und der West Coast Trail-Wanderweg beginnt. Gut, bei strömendem Regen sind wir nicht bis Port Renfrew gekommen. Kurz hinter dem Ort Jordan River (schon die Bezeichnung Ort ist ein Witz, denn hier stehen tatsächlich nur geschätzt 10 Häuser) drehten wir um, als der Himmel aufriss und die Sonne eine unvergleichlich schönen Blick auf den so genannten French Beach freigab. Ein typischer Strand in einer Bucht mit angestrandetem Treibholz, der diese Strände an der Pazifikküste von Vancouver Island so unvergleichlich macht.Sieht es hier nicht irgendwie so aus, wie man sich als Kind Piratenbehausungen vorgestellt hat?


Hier die Seele baumeln lassen und Kraft an einem unvergleichlich schönen Ort dieser Erde tanken, einmalig. Morgen wird vom Süden in die Inselmitte verlagert. Nach einer Übernachtung in Port Alberni geht es Mittwoch weiter in den Pacific Rim Nationalpark. Hier soll es schön werden...   

Vancouver Island: einfach toll hier!

Wir sind zurück in Kanada, empfangen von einem der typischen Symbole, die man in den Totempfählen findet: dem Frosch.


Aber der Reihe nach: Freitag ging es los. Morgens mit dem Auto an allen Staus vorbei zum ICE-Bahnhof Siegburg/Bonn. Schon vorher hatte ich erfahren, dass der Zug 20 Minuten Verspätung hatte. Also sind wir entsprechend losgefahren und warteten nun auf das Eintreffen. Bei der Einfahrt dachte ich noch über den Qualm und Gestank, den die Bremsen verursachten. Doch schnell war klar, dass dies alles andere als normal war und der Zug nicht weiterfahren konnte. Alle Reisenden aufgeschreckt, denn der eine oder andere war in ähnlicher Zwangslage, wie wir. Der Flieger würde nicht auf uns warten. Wir also auf dem Bahnsteig gewartet, nächster Zug sollte hier abfahren. Gut, konnte so nicht funktionieren, aber Infos gab es zunächst keine. Dann fuhr die nächte Möglichkeit im Bahnhof ein. Welches Gleis, würde er warten, sollen wir hin? Hat geklappt, wir waren rechtzeitig am Flughafen in Frankfurt, dem Abflug stand nichts mehr im Wege.

Nach gut 10 Stunden und 9 Stunden zurück in der eigenen Zeit, trafen wir in Vancouver ein. Die Immigration dauerte länger, als in den USA, obwohl hier in Kanada keine Fingerabdrücke und keine Fotos erstellt werden. Dafür war die Mietwagenübernahme ein Klax und schnell befanden wir uns auf dem Wege zur Übernachtung in ein Motel in der Nähe der Fähre, die uns Samstagmorgen nach Swartz Bay auf Vancouver Island bringen sollte. Glücklicherweise gelingt einem die Zeitumstellung in Richtung Westen immer sehr gut. Man geht spät ins Bett, kommt gut früh raus und so legten wir schon um 09.00 Uhr von Tsawwassen ab, um die laut Reiseführern attraktivste Fährverbindung zu nutzen.


Das Wetter spielte mit und die Überfahrt war das erste wunderbare Highlight dieses Kanada-Urlaubs. Vancouver Island sind viele kleinere und größere Inseln im Bereich zwischen Festland und Insel vorgelagert, so dass sich die doch relativ große Fähre einen Weg durch die enge scherenähnliche Landschaft sucht. Die Nähe zu diesen Eiländern ist es dann auch, was diese Überfahrt so attraktiv macht und ein Wetterphänomen kam dazu, dass inselnahe Regionen in Nebelschwaden hüllte. Das hat einige wunderbare Fotos ermöglicht. Auch lässt sich in solchen Gegenden ein Wetterwechsel geradezu greifen, aber zumindest am Himmel sehen. Das folgende Bild zeigt dies eindrucksvoll, vor allem durch die Spiegelung der himmlischen Ereignisse auf der Wasseroberfläche.


95 Minuten später ware wir also zum zweiten Mal auf diesem beeindruckenden Stück Natur im Pazifik und damit im Westen Kanadas. In Ruhe fuhren wir über eine ausgewiesene Scenic-Road auf der Saanich-Peninsula nach Victoria, der aus unserer Sicht wirklich schönsten Stadt, die wir bisher kennenlernen durften. Und wir waren kritisch: Waren wir bei unserem ersten Besuch nicht zu euphorisch? Immerhin ist Victoria gegenüber anderen Megastädten einfach klein und beschaulich. Aber dies ist hier eindeutig eine Tugend. Und davon berichte ich das nächste Mal. 

Die Päpstin, überragende Musical Adaption des Weltbestsellers

Neue deutschsprachige Musicals sind rar. Umso mehr haben wir uns über die Ankündigung der Uraufführung des neuen Werks aus der Feder von Dennis Martin gefreut, der bereits mit seinem letzten Musical „Bonifatius“ eingängige Melodien mit atmosphärischen Texten versehen hatte. Vor einer Woche kam die CD, am Freitag haben wir dann das Musical im Schlosstheater Fulda sehen und hören dürfen. Das Musical ist eine Adaption des Weltbestsellers „Die Päpstin“ von Donna Cross, die übrigens die Welturaufführung am 3. Juni 2011 selbst besucht hatte und begeistert war.

Worum geht’s? Im Jahr 814 kommt als Tochter eines Dorfpfarrers und einer sächsischen Heidin ein Mädchen zur Welt: Johanna. Das Kind ist außergewöhnlich klug und lernt heimlich und gegen den Willen seines Vaters lesen und schreiben. Durch eine Verkettung von Zufällen bekommt Johanna schließlich die Gelegenheit, die Klosterschule zu Dorstadt zu besuchen. Doch als junge Frau hat sie es dort nicht leicht, immer größer werden die Anfeindungen von allen Seiten. Ein grausamer Normannenüberfall ereilt Dorstadt und wie durch ein Wunder überlebt Johanna das Massaker als Einzige. Vom Schicksal sich selbst überlassen, trifft sie eine einsame Entscheidung: Sie verlässt Dorstadt, legt ihre Frauenkleider ab, schneidet sich das Haar und gibt sich fortan als Mann aus. Aus Johanna wird Johannes Anglicus, der als Mönch ins Kloster Fulda eintritt. Es beginnt ein jahrzehntelanges Versteckspiel, das Johanna zur Gejagten macht. Von Fulda führt ihr Weg nach Rom. Ins Zentrum der Macht. Rom ist gefährlich. Feinde bedrohen die Stadt. Und am Hof des Papstes spinnen mächtige Gegner ihre Intrigen .Doch Johanna geht ihren Weg weiter und steigt auf zum Leibarzt des Papstes. Als der Papst stirbt, wählt das römische Volk sie zu dessen Nachfolger und stellt sie vor eine fast unlösbare Aufgabe. Johanna muss ihr Geheimnis wahren. Denn niemand darf wissen, wer sie wirklich ist. Doch das gelingt ihr nur eine kurze Zeit. Als sie eine am Wegesrand der La Sacra, der heiligen Straße, eine Frühgeburt erleidet, stirbt sie.

Das Schlosstheater Fulda befindet sich im Ortskern und verfügt über nur 690 Plätze. Zusammen mit der kleinen Drehbühne, die schnelle Szenewechsel ermöglicht, ist man nah am Geschehen und taucht schnell in die Geschichte ein. Gute Stimmen und Schauspieler machen aus einem guten einen sehr guten Stoff. Geadelt aber werden solche Werke, wenn einen die Geschichte am Hirn packt und am Herz berührt. Das ist der „Päpstin“ eindrucksvoll gelungen. Die Geschichte ist absolut schlüssig vom Kind bis zum Tode erzählt. Die Musik, mal klassisch, mal poppig, erinnert an Frank Wildhorn (Jekyll & Hyde), aber auch an Elton John’s Aida oder Sylvester Levay’s Elisabeth. Vermeintlicher Wehrmutstropfen: Die Musik kam vom Band. Das haben wir so nur vor 1994 in Alsdorf (Aachen) bei „Gaudi“ von Eric Woolfson und Alan Parsons erlebt. Aber die Technik hat sich in den vergangenen 15 Jahren deutlich weiterentwickelt, so dass sich dieses Halbplayback (Gesang live, Musik Band) überhaupt nicht negativ auswirkte. Gesang und Schauspiel der beiden Hauptdarsteller Sabrina Weckerlin (Johanna) und Mathias Edenborn (Gerold) waren großartig. Und wer bei den ruhigen, traurig-nachdenklichen Solonummern von Weckerlin keine Emotionen spürt, ist hier definitiv falsch. Die schönste Stimme aber hatte Dietmar Ziegler als Rabanus. Er eröffnete den 2. Akt mit dem Song „Hinter hohen Klostermauern“, der unvorstellbar schön gesungen war, wie von einer anderen Welt. Daneben hat mich noch ein einzelner Satz nachdenklich gestimmt: “Gott mag keinen Hochmut, auch nicht in Schmerz und Pein“. Da gehen einem gleich politische und gesellschaftliche Bilder durch den Kopf, aber das passt jetzt hier nicht hin.

Uns hat es wirklich extrem gut gefallen. Jeder, der klassische Musicals mag, wird hier alles finden, was dieses Genre ausmacht.  Kleine Randnotiz: Natürlich musste -wie konnte es auch anders sein- der zuständige Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen seinen Senf dazugeben, wobei er schon der literarischen Vorlage bescheinigte: “Es ist ein dummer, saudummer literarischer Stoff“. Das war aufgrund der Geschichte sicher auch nicht anders zu erwarten. Wobei es in der Geschichte nicht um Gewalt, Intoleranz, Missbrauch und Inquisition geht, sondern schlicht um eine Frau auf dem Papstthron. Dass die katholische Kirche damit Probleme haben würde, war sicher keine Überraschung. Und es lohnt sich auch die Quellen zu lesen, die der Legende zugrunde liegen. Es gibt durchaus Hinweise, dass es Päpstin Johanna wirklich gab. Die örtliche Lage von  Schloss(-theater) und mächtigem Dom lassen einen am Ende doch etwas schmunzeln, denn sie liegen sich vis-a-vis gegenüber. Nur gut, dass wir uns heute frei entscheiden können, in welche Richtung wir gehen wollen.

 

Unvorstellbar: RWE ist wieder da - Aufstieg 2011

Lars Leese sollte Recht behalten: In der Pressekonferenz nach dem Heimspiel seiner 09er gegen RWE verabschiedete der scheidende Trainer aus Bergisch Gladbach seinen Kollegen Waldemar Wrobel mit guten Wünschen und dem Hinweis, dass RWE nichts in der NRW-Liga verloren habe. Und seit Freitag steht fest, dass Rot-Weiss Essen in der kommenden Saison wieder in der Regionalliga spielen wird. Nach dem Remis vor einer Woche gegen den Tabellenzweiten Germania Windeck vor erneut mehr als 10000 Zuschauern, setzte sich Freitagnachmittag eine Fankarawane ins Siegerland in Bewegung. Und mehr als 5000 Essener feierten nach dem 2:1 Sieg gegen die Sportfreunde euphorisch den Aufstieg.

Und dies alles nach einer eigentlich unvorstellbaren Saison. Der Club musste im Juni 2010 Insolvenz anmelden und stieg damit automatisch aus der 4. in die 5. Liga ab (der 3. Abstieg in Folge). Die Verträge aller Spieler waren hinfällig, die Hypothek der Schulden im zweistelligen Millionenbereich wogen schwer, ein Insolvenzverwalter übernahm das Kommando; eigentlich stand RWE vor dem ultimativen Aus. Doch Dr. Frank Kebekus aus Düsseldorf schaffte es in wenigen Tagen, die chaotischen Rahmenbedingungen des Vereins in eine solche Struktur zu fassen, dass es dem Amtsgericht Essen im allerletzten Moment möglich war, das Insolvenzverfahren zu eröffnen. Damit durfte RWE zumindest in der NRW-Liga antreten, der Gang in die Kreisliga und der totale Neuaufbau wurden vermieden. Und plötzlich drehte der Wind: Die Spieler der 2. Mannschaft, die schon vorher in der NRW-Liga spielten, blieben dem Verein treu und stellten das komplette Gerüst des Zwangsabsteigers. Trainer Waldemar Wrobel gelang es ein hervorragendes Kollektiv zu formen und mit einigen wenigen jungen Leistungsträgern zu verstärken. Trotzdem wusste niemand, was beim ersten Saisonspiel eigentlich passieren würde. Die Vorbereitungsspiele jedenfalls ließen nichts Gutes erahnen und der VfB Homberg würde sicherlich auch kaum Zuschauer anziehen. Doch viele trauten schon zu Spielbeginn ihren Augen nicht. Menschen strömten, als hätten die Abstiege nicht stattgefunden und die Kulisse von 6250 Zuschauern machte einen irgendwie stolz und weckte genau die Emotionen, die seit Jahren wie verschüttet schienen. Plötzlich war es wieder da, dieses Heimatgefühl, dieses emotionale Band zwischen Verein, Fans und Mannschaft. In den letzten Jahren gerissen und zerrüttet, schaffte es die neue Mannschaft mit einem Durchschnittsalter knapp über 21 Jahren durch Herz, Kampf und gute Leistungen, die Fans für sich zurückzugewinnen. Es herrschte Zweitliga-Atmosphäre und in der 89. Minute an diesem denkwürdigen Abend stellte der Fußballgott die Weichen endgültig auf „grün“. Alexander Thamm schoss das vielumjubelte 1:0, das nebenbei später von den Zuschauern der ARD Sportschau zum Tor des Monats gewählt wurde. Und für mich war es das Tor der Saison, die entscheidende Weichenstellung, der später eine unglaubliche Entwicklung folgte: Entscheidung der Stadt Essen für das seit Jahren geplante neue Stadion (Baubeginn ist erfolgt), das erfolgreich vor dem Abschluss stehende Insolvenzverfahren, engagierte neue Leute in Verantwortung, ein überaus kompetenter neuer 1. Vorsitzender (Dr. Michael Welling) und vor allem beigeisternder offensiver Fußball. Im Schnitt sahen jedes Heimspiel mehr als 7000 Zuschauer und die Hafenstraße ist inzwischen wieder der emotionale Schmelztiegel, der sie so berühmt und kultig machte. Rot-Weiss Essen: Ein würdiger Aufsteiger, dem der Himmel offensteht. Nach katastrophalen Spielzeiten ist der totgeglaubte Mythos aus seinem komatösen Zustand erwacht. Ich wünsche mir nichts mehr, als irgendwann in den kommenden Jahren im neuen Stadion den Aufstieg zurück in den „bezahlten“ Fußball mitzufeiern. Aber bei aller Euphorie und Freude müssen die Verantwortlichen auf dem Teppich bleiben, vor allem seriös wirtschaften und Schritt für Schritt denken. Dann ist mir um die Zukunft nicht mehr bange.