Musical Chess im Opernhaus Essen

Klasse, zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Musical Chess besuchten wir vor vielen Jahren bereits in Kassel. Es hat uns damals von der Musik sehr gut, vom Bühnenbild gut gefallen. So war die Gelegenheit günstig, denn das Aalto-Theater Essen hatte Chess bis gestern auf dem Spielplan. Es war also eine Derniere, die letzte Vorstellung in Essen. Gleichzeitig für uns eine Premiere, denn dies war unser erster Besuch im Aalto. Hier wollten wir schon immer mal hin. Und Chess war genau richtig, um Architektur, Akustik und Stimmung dieses bekannten Essener Theaters zu erleben. Und es war ein schöner Abend mit leichten Schwächen.


Vorab: Chess wurde 1984 von den ABBA-Männern geschrieben. Benny Andersson und Björn Ulvaeus komponierten die Musik, Tim Rice schrieb den englischen Originaltext. Die Geschichte spielt in Meran und Bangkok und ist an der Konkurrenz zweier Schachspieler aufgehängt, von denen einer Russe und der andere US-Amerikaner ist. Im Stück geht es um Politik, Verschwörung, Liebe und Eifersucht im Kalten Krieg, der die Komponisten sicher inspiriert hat. Bekannt wurde das Musical durch den Hit „One night in Bangkok“, gesungen von Murray Head.


Nach unserem Eintreffen am Theater wollte ich zunächst die Karten and der Kasse abholen, aber Pustekuchen. Keine Karten reserviert, das Internet-System hatte versagt. Was nun bei ausverkauftem Haus? Ein sehr netter älterer Bediensteter betreute uns und bot uns 5 Minuten vor dem Beginn zwei Karten an. Gut, es waren beides Karten der 1. Kategorie, schlecht, sie lagen auseinander. Kurze Beratung, natürlich genommen und ab, ich in Reihe 1, Klaudia in Reihe 6.
Dann ging es los. Wunderbares Orchester (das Unites Rock Orchestra unter der Leitung von Heribert Feckler), jazzig und hörenswert. Aber die Stimme des Schiedsrichters war gestört, also Abbruch durch die Regie und Neustart nach 5 Minuten, fast wie in der Formel 1.
Jetzt also konnte es wirklich losgehen. Die Musik, die Partitur ein Traum. Wunderbare Melodien in englisch gesungen (in deutsch übersetzt an der Bühnendecke), die Spielszenen in deutsch. Die Musik war generell klasse, aber die zugemischten Stimmen zu leise. Chorgesänge gingen teilweise in einer undifferenzierten und kaum identifizierbaren Aussprache unter. Ein Nachteil, den man in Stadttheatern einfach akzeptieren oder einkalkulieren muss, weil hier halt Tag für Tag etwas anderes gespielt wird. Da muss man mit solchen Fehlern leben.
Die Solisten waren uns nicht alle unbekannt mit einer aber Unbekannten als Überraschung. Kristian Vetter, uns bekannt u.a. aus Les Miserables, spielte den Russen, Anatoly Sergievsky solide, aber mit hörbaren Schwächen bei den tiefen Tönen. Der Amerikaner, Frederick Trumper, wurde von dem uns unbekannten Engländer Henrik Wager gesungen. Sehr lässig und mit guter Bandbreite. Sein absoluter Höhepunkt „Pity the child“, was für eine schauspielerische Performance, wow. Ebenfalls gut Arbiter, der Schiedsrichter, gesungen von Romeo Salazar, einem Philippiner. Die Überraschung des Abends aber war die Holländerin Femke Soetenga als Florence Vassy. Absolut eine der besten Sopranstimmen, die wir in den letzten Jahren auf einer deutschen Musicalbühne gehört haben, großes Kino.


Fazit: Ein schöner Abend mit leichten technischen Schwächen, aber auch einer großen positiven Überraschung. Chess hat uns hier in Essen grad auch vom Bühnenbild überzeugt (das war in Kassel noch nicht so toll). Es wäre dem Essener Opernhaus zu wünschen, dass sie auch zukünftig solche klassischen Musicals wagen, denn die Konkurrenz der Stage Holding im Colosseum Theater ist inzwischen dem Mainstream völlig verfallen, also für den Musicalbesucher mit Niveau kaum noch empfehlenswert. Das Aalto selbst hat uns sehr gut gefallen. Großer Vorraum, geschwungene Balkone (ähnlich den Guggenberg Museen), nüchterner, aber farblich angenehmer Theaterraum mit bequemen Sitzen und eine ausgezeichnete Akustik. Klasse, wir kommen gerne wieder.   


CD-Tipps: In unserer Musical-CD-Sammlung befinden sich zwei Versionen von Chess, die wir empfehlen können:
Natürlich die Ursprungsaufnahme (2 CD) von 1984 mit dem London Symphony Orchestra und dem oben erwähnten Murray Head, dazu Tommy Körberg, Elaine Paige und Barbara Dickson. Daneben gibt es eine hervorragende Live-Aufnahme (2 CD) von 1994 mit wieder dem stimmgewaltigen Tommy Körberg und anderen Künstlern aus Skandinavien. Das Konzert wurde in Göteborg aufgezeichnet. 

 

2.4.09 18:38

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