Aida, großartige Vorstellung der Freilichtspiele Tecklenburg

Ja, ja, da sucht Wermelskirchen verzweifelt Attraktionen, um Touristen ins Bergische Land zu ziehen. Da werden abstruse Ideen verfolgt, wie die eines winterlichen Freizeitparks. Wie man so was macht, zeigt seit 1924 die Gemeinde Tecklenburg zwischen Münster und Osnabrück. Tecklenburg hat nur 9600 Einwohner, betreibt aber mitten im Ortskern eine Freilichtbühne, die über 2400 Sitzplätze verfügt. Seit vielen Jahren besetzen sie dabei konsequent eine musikalische Nische und bieten in den Sommermonaten sehr erfolgreich Musicals an. Der künstlerische Anspruch ist hoch, deutschlandweit bekannte Solisten werden verpflichtet und spielen äußerst beliebte Stücke. Wir hatten am Samstag zum vierten Mal das außerordentliche Vergnügen, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Nach Les Miserables (2006), Jekyll & Hyde (2007), Mozart (2008) stand diesmal Aida von Elton John auf dem Programm. Zunächst einmal schien es uns so, als sei in die Tontechnik investiert worden. Orchester und Stimmen kamen klarer und differenzierter rüber. Chorgesänge leiden immer noch unter bei Freilufttheatern systembedingt schwierigeren Bedingungen. Hier übersteuert die Tonanlage noch immer, aber es hielt sich in erträglichen Grenzen.

Zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn hatte sich auch das Schmuddelwetter beruhigt, trockenen Fußes ging es zum Theater, das mal wieder ausverkauft war.

Und Aida war großartig. Erneut hat es Tecklenburg geschafft, künstlerischen Anspruch und Mainstream zu verknüpfen. Gutes Orchester, sehr schöne Choreografien und tolle Solisten bescherten uns einen wunderbaren Abend, der durch die entsprechenden Lichteffekte nach Eintritt der Dunkelheit weiter an Eindruck gewann. Die vier Hauptdarsteller überzeugten auf der ganzen Linie. Die Südafrikanerin Zodwa Selele, die wir bisher nicht kannten, brillierte als Aida durch ihre Stimme und Schauspiel. „Amneris“ wurde von Willemijn Verkaik gespielt, die zuletzt in „Wicked“ die Hexe Elphaba intonierte und auch auf der Original-Cast-CD aus Stuttgart singt. Ihr extrovertiertes Spiel, gerade im Song „Mein Sinn für Stil“ zeigte große Klasse und machte viel Spaß. Zoser, der Strippenzieher, gefiel uns vor allem in den Stücken „Eine Pyramide mehr“ und „Wie Vater, so Sohn“, wo er eingerahmt von vielen anderen Tänzern durch sein reduziertes Spiel auffiel, was beide Stücke gerade choreografisch zu Highlights des Musicals machten. Und über alle Zweifel erhaben: Patrick Stanke als „Radames“. Unglaublich, wie er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Super Stimme, tolle Bühnenpräsenz, zurzeit sicher einer der besten männlichen Musicalstimmen in Deutschland.

Als nach 180 Minuten die Bühne mit der Schlussszene im Museum und dem flüchtigen Wiedersehen von Aida und Radames ins Dunkel fiel, brandete tosender Applaus auf. Stehend klatschten sich die Leute minutenlang die Hände warm. Ein toller Abend, der wohl noch lange nachklingt.

Insgesamt fällt in Tecklenburg immer wieder auf, dass durch die eher magere Ausstattung, Handlungen und Emotionen wieder das nötige Gewicht eingeräumt wird. Es ist einfach ein Genuss, Musicals in deutscher Sprache auf so einem hohen künstlerischen Niveau erleben zu dürfen. Dabei sind die Besucher immer in dieser Picknick-Stimmung. Wein- und Sektflaschen kreisen, Käsespieker und Frikadellen setzen einen enormen Kontrapunkt zu manch überkandideltem Theaterbesuch. Wir hoffen jedenfalls sehr, dass Tecklenburg im Sommer der Nabel der Musical-Welt bleibt.    

 

 

27.7.09 17:47

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