Unvorstellbar: RWE ist wieder da - Aufstieg 2011

Lars Leese sollte Recht behalten: In der Pressekonferenz nach dem Heimspiel seiner 09er gegen RWE verabschiedete der scheidende Trainer aus Bergisch Gladbach seinen Kollegen Waldemar Wrobel mit guten Wünschen und dem Hinweis, dass RWE nichts in der NRW-Liga verloren habe. Und seit Freitag steht fest, dass Rot-Weiss Essen in der kommenden Saison wieder in der Regionalliga spielen wird. Nach dem Remis vor einer Woche gegen den Tabellenzweiten Germania Windeck vor erneut mehr als 10000 Zuschauern, setzte sich Freitagnachmittag eine Fankarawane ins Siegerland in Bewegung. Und mehr als 5000 Essener feierten nach dem 2:1 Sieg gegen die Sportfreunde euphorisch den Aufstieg.

Und dies alles nach einer eigentlich unvorstellbaren Saison. Der Club musste im Juni 2010 Insolvenz anmelden und stieg damit automatisch aus der 4. in die 5. Liga ab (der 3. Abstieg in Folge). Die Verträge aller Spieler waren hinfällig, die Hypothek der Schulden im zweistelligen Millionenbereich wogen schwer, ein Insolvenzverwalter übernahm das Kommando; eigentlich stand RWE vor dem ultimativen Aus. Doch Dr. Frank Kebekus aus Düsseldorf schaffte es in wenigen Tagen, die chaotischen Rahmenbedingungen des Vereins in eine solche Struktur zu fassen, dass es dem Amtsgericht Essen im allerletzten Moment möglich war, das Insolvenzverfahren zu eröffnen. Damit durfte RWE zumindest in der NRW-Liga antreten, der Gang in die Kreisliga und der totale Neuaufbau wurden vermieden. Und plötzlich drehte der Wind: Die Spieler der 2. Mannschaft, die schon vorher in der NRW-Liga spielten, blieben dem Verein treu und stellten das komplette Gerüst des Zwangsabsteigers. Trainer Waldemar Wrobel gelang es ein hervorragendes Kollektiv zu formen und mit einigen wenigen jungen Leistungsträgern zu verstärken. Trotzdem wusste niemand, was beim ersten Saisonspiel eigentlich passieren würde. Die Vorbereitungsspiele jedenfalls ließen nichts Gutes erahnen und der VfB Homberg würde sicherlich auch kaum Zuschauer anziehen. Doch viele trauten schon zu Spielbeginn ihren Augen nicht. Menschen strömten, als hätten die Abstiege nicht stattgefunden und die Kulisse von 6250 Zuschauern machte einen irgendwie stolz und weckte genau die Emotionen, die seit Jahren wie verschüttet schienen. Plötzlich war es wieder da, dieses Heimatgefühl, dieses emotionale Band zwischen Verein, Fans und Mannschaft. In den letzten Jahren gerissen und zerrüttet, schaffte es die neue Mannschaft mit einem Durchschnittsalter knapp über 21 Jahren durch Herz, Kampf und gute Leistungen, die Fans für sich zurückzugewinnen. Es herrschte Zweitliga-Atmosphäre und in der 89. Minute an diesem denkwürdigen Abend stellte der Fußballgott die Weichen endgültig auf „grün“. Alexander Thamm schoss das vielumjubelte 1:0, das nebenbei später von den Zuschauern der ARD Sportschau zum Tor des Monats gewählt wurde. Und für mich war es das Tor der Saison, die entscheidende Weichenstellung, der später eine unglaubliche Entwicklung folgte: Entscheidung der Stadt Essen für das seit Jahren geplante neue Stadion (Baubeginn ist erfolgt), das erfolgreich vor dem Abschluss stehende Insolvenzverfahren, engagierte neue Leute in Verantwortung, ein überaus kompetenter neuer 1. Vorsitzender (Dr. Michael Welling) und vor allem beigeisternder offensiver Fußball. Im Schnitt sahen jedes Heimspiel mehr als 7000 Zuschauer und die Hafenstraße ist inzwischen wieder der emotionale Schmelztiegel, der sie so berühmt und kultig machte. Rot-Weiss Essen: Ein würdiger Aufsteiger, dem der Himmel offensteht. Nach katastrophalen Spielzeiten ist der totgeglaubte Mythos aus seinem komatösen Zustand erwacht. Ich wünsche mir nichts mehr, als irgendwann in den kommenden Jahren im neuen Stadion den Aufstieg zurück in den „bezahlten“ Fußball mitzufeiern. Aber bei aller Euphorie und Freude müssen die Verantwortlichen auf dem Teppich bleiben, vor allem seriös wirtschaften und Schritt für Schritt denken. Dann ist mir um die Zukunft nicht mehr bange.

16.4.11 10:37

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