Die Päpstin, überragende Musical Adaption des Weltbestsellers

Neue deutschsprachige Musicals sind rar. Umso mehr haben wir uns über die Ankündigung der Uraufführung des neuen Werks aus der Feder von Dennis Martin gefreut, der bereits mit seinem letzten Musical „Bonifatius“ eingängige Melodien mit atmosphärischen Texten versehen hatte. Vor einer Woche kam die CD, am Freitag haben wir dann das Musical im Schlosstheater Fulda sehen und hören dürfen. Das Musical ist eine Adaption des Weltbestsellers „Die Päpstin“ von Donna Cross, die übrigens die Welturaufführung am 3. Juni 2011 selbst besucht hatte und begeistert war.

Worum geht’s? Im Jahr 814 kommt als Tochter eines Dorfpfarrers und einer sächsischen Heidin ein Mädchen zur Welt: Johanna. Das Kind ist außergewöhnlich klug und lernt heimlich und gegen den Willen seines Vaters lesen und schreiben. Durch eine Verkettung von Zufällen bekommt Johanna schließlich die Gelegenheit, die Klosterschule zu Dorstadt zu besuchen. Doch als junge Frau hat sie es dort nicht leicht, immer größer werden die Anfeindungen von allen Seiten. Ein grausamer Normannenüberfall ereilt Dorstadt und wie durch ein Wunder überlebt Johanna das Massaker als Einzige. Vom Schicksal sich selbst überlassen, trifft sie eine einsame Entscheidung: Sie verlässt Dorstadt, legt ihre Frauenkleider ab, schneidet sich das Haar und gibt sich fortan als Mann aus. Aus Johanna wird Johannes Anglicus, der als Mönch ins Kloster Fulda eintritt. Es beginnt ein jahrzehntelanges Versteckspiel, das Johanna zur Gejagten macht. Von Fulda führt ihr Weg nach Rom. Ins Zentrum der Macht. Rom ist gefährlich. Feinde bedrohen die Stadt. Und am Hof des Papstes spinnen mächtige Gegner ihre Intrigen .Doch Johanna geht ihren Weg weiter und steigt auf zum Leibarzt des Papstes. Als der Papst stirbt, wählt das römische Volk sie zu dessen Nachfolger und stellt sie vor eine fast unlösbare Aufgabe. Johanna muss ihr Geheimnis wahren. Denn niemand darf wissen, wer sie wirklich ist. Doch das gelingt ihr nur eine kurze Zeit. Als sie eine am Wegesrand der La Sacra, der heiligen Straße, eine Frühgeburt erleidet, stirbt sie.

Das Schlosstheater Fulda befindet sich im Ortskern und verfügt über nur 690 Plätze. Zusammen mit der kleinen Drehbühne, die schnelle Szenewechsel ermöglicht, ist man nah am Geschehen und taucht schnell in die Geschichte ein. Gute Stimmen und Schauspieler machen aus einem guten einen sehr guten Stoff. Geadelt aber werden solche Werke, wenn einen die Geschichte am Hirn packt und am Herz berührt. Das ist der „Päpstin“ eindrucksvoll gelungen. Die Geschichte ist absolut schlüssig vom Kind bis zum Tode erzählt. Die Musik, mal klassisch, mal poppig, erinnert an Frank Wildhorn (Jekyll & Hyde), aber auch an Elton John’s Aida oder Sylvester Levay’s Elisabeth. Vermeintlicher Wehrmutstropfen: Die Musik kam vom Band. Das haben wir so nur vor 1994 in Alsdorf (Aachen) bei „Gaudi“ von Eric Woolfson und Alan Parsons erlebt. Aber die Technik hat sich in den vergangenen 15 Jahren deutlich weiterentwickelt, so dass sich dieses Halbplayback (Gesang live, Musik Band) überhaupt nicht negativ auswirkte. Gesang und Schauspiel der beiden Hauptdarsteller Sabrina Weckerlin (Johanna) und Mathias Edenborn (Gerold) waren großartig. Und wer bei den ruhigen, traurig-nachdenklichen Solonummern von Weckerlin keine Emotionen spürt, ist hier definitiv falsch. Die schönste Stimme aber hatte Dietmar Ziegler als Rabanus. Er eröffnete den 2. Akt mit dem Song „Hinter hohen Klostermauern“, der unvorstellbar schön gesungen war, wie von einer anderen Welt. Daneben hat mich noch ein einzelner Satz nachdenklich gestimmt: “Gott mag keinen Hochmut, auch nicht in Schmerz und Pein“. Da gehen einem gleich politische und gesellschaftliche Bilder durch den Kopf, aber das passt jetzt hier nicht hin.

Uns hat es wirklich extrem gut gefallen. Jeder, der klassische Musicals mag, wird hier alles finden, was dieses Genre ausmacht.  Kleine Randnotiz: Natürlich musste -wie konnte es auch anders sein- der zuständige Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen seinen Senf dazugeben, wobei er schon der literarischen Vorlage bescheinigte: “Es ist ein dummer, saudummer literarischer Stoff“. Das war aufgrund der Geschichte sicher auch nicht anders zu erwarten. Wobei es in der Geschichte nicht um Gewalt, Intoleranz, Missbrauch und Inquisition geht, sondern schlicht um eine Frau auf dem Papstthron. Dass die katholische Kirche damit Probleme haben würde, war sicher keine Überraschung. Und es lohnt sich auch die Quellen zu lesen, die der Legende zugrunde liegen. Es gibt durchaus Hinweise, dass es Päpstin Johanna wirklich gab. Die örtliche Lage von  Schloss(-theater) und mächtigem Dom lassen einen am Ende doch etwas schmunzeln, denn sie liegen sich vis-a-vis gegenüber. Nur gut, dass wir uns heute frei entscheiden können, in welche Richtung wir gehen wollen.

 

10.7.11 09:20

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