Vancouver, ein Mythos mit Schattenseiten

Wenn man von Kanada erzählt und die Stadt Vancouver erwähnt, ja dann verklären sich bei einigen die Gesichtszüge und oft wird von einer der schönsten Städte der Welt gesprochen. Nun, Vancouver liegt herausragend direkt am Wasser, im Hintergrund befinden sich Berge, das Ensemble der Natur stimmt sicher. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Die Stadt ist jung, ihr fehlt es an Historie. „Kann die Stadt nix für“, wird man berechtigt einwerfen, aber in einigen Stadtbezirken hat man sogar auf „alt“ gemacht, um eben eine solche Geschichte vorzugaukeln. Beispiel gefällig? In Gastown kommt man sich tatsächlich vor, wie in einer europäischen Altstadt. Doch die gesamt Optik stammt aus den 1970er-Jahren.

 

Auch Downtown ist eher gesichtslos. Den zugegeben teilweise sehr schönen verglasten Hochhäusern fehlt beim Gesamteindruck das Gesicht, die Linie, das Spektakuläre.

 

Nur am Rande erwähnen möchte ich, dass man sich als Europäer oder Kanadier/Amerikaner klar in Unterzahl befindet. Die Asiaten sind von ihrer Anzahl die Einwohner Nummer 1. Nicht umsonst wird die Stadt auch Hongcouver genannt. Wir hatten jedenfalls den Eindruck, die Übernahme der Welt durch die Asiaten hat bereits begonnen, läuft aber leise und unbemerkt ab. So ähnlich, wie die Chinesen seit vielen Jahren US-amerikanische Staatsanleihen gekauft haben, den Pump der Amis damit finanzieren und dem Staat später um die Ohren fliegen lassen könnten. Auch hier beschleicht einen irgendwie ein komisches Gefühl.

Und ein Aspekt hat uns besonders schockiert: die vielen Bettler. Beim Laufen durch die Stadtbezirke kamen wir an einem Sonntagnachmittag in einen Bereich, wo sich plötzlich auffallend wenig Touristen aufhielten. Ich wusste: Jetzt wird es interessant. Und was war? Die Bettler und Obdachlosen veranstalten wohl jeden Sonntag auf einer Straße, die hierzu extra gesperrt wird, einen Trödelmarkt.

 

Hier machen sie alles zu Geld, was sie in den Tagen vorher erbettelt oder sonst wie erhalten haben. Ist das nicht pervers? Aber die Wahrheit und die ist auch in Vancouver nicht immer angenehm.

 

Sonst? Wir haben noch nie so viele Starbucks-Läden gesehen, wie in Downtown. Unglaublich, alle geschätzten 50 Meter ein Geschäft und durchaus immer voll und nachgefragt. Das Vancouver Aquarium ist immer einen Besuch wert, der Stanley-Park ist beschaulich, ruhig und attraktiv. Der ÖPNV ist wunderbar, die Preise zivil und der Umgang der Gesellschaft mit Behinderten vorbildlich. Jeder Bus ist zum Beispiel mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer ausgestattet, die ggf. vom Fahrer vorne aktiviert werden kann. Hier gibt eine besondere Form der Rücksichtnahme.

Wo man in jedem Fall hin muss: Granville Island, eine auf einer kleinen Insel zwischen Downtown und den anderen Stadtvierteln aufgemöbeltes altes Industriegelände. Viele Galerien, Geschäfte und Restaurants haben sich in renovierten Fabrikhallen und –häusern niedergelassen und ziehen Einheimische, wie Touristen magisch an. Hier lässt man es sich an einem Sonntagmorgen vor gläsernem Hintergrund schon einmal gut ergehen.

 

In der Nähe des Canada Place, ein einem Schiff nachempfundenes Pier, kann mit einer öffentlichen Fähre auf die andere Seite von Vancouver nach North-Vancouver übersetzen.

 

Hier muss man den dortigen Lonsdale Quay Market besuchen, eine Markthalle mit Gemüse, Obst, Blumen, Fleisch und Fisch. Teilweise wird die Ware auch sofort zum Essen angeboten. Hier haben wir gesteamte Muscheln gegessen, die wirklich nach nur 3 Minuten im Dampfkessel fertig waren. Serviert nur mit ausgelassener und gesalzener Butter: eine wohlschmeckende Spezialität.

 

Übrigens steht am Canada Place das olympische Feuer der Spiele 2010.

 

 

Passt dort wirklich gut hin und bleibt eine Erinnerung für alle Besucher und Bewohner der Stadt.

 

So ging unsere Reise zu Ende. Wir haben Kanada als Land und die Kanadier selbst als sehr freundlich, interessiert und extrem entspannt kennengelernt. Das unterscheidet sie deutlich von vielen US-Amerikanern, die zwar auch immer freundlich, aber größtenteils doch unverbindlich und oberflächlich bleiben. Die Entspanntheit hat uns vor allem auf Vancouver Island selbst schnell die Hand gereicht. Eine unvergleichlich schöne und dabei große Insel, die einen schon mal von einem Leben weit weg der Heimat träumen lässt. Viktoria und Tofino hinterließen dabei in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit bei uns den größten Eindruck. Vier Münzen blieben uns heute im Flughafen Vancouver. Wir haben sie in einen dortigen kleinen Bachlauf im Innern des Gebäudes geworfen, wie es vor uns schon tausende andere Touristen taten. Und wir glauben, sie alle möchten gerne wieder kommen. Wir verstehen das…sicher.

5.10.11 17:21

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